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Die Konflikt-/Mediations-Landkarte

Das schon hier in diesem Blog vorgestellte „Organizational Mapping“ zur Visualisierung von komplexen Situationen habe ich für den Einsatz in einem Mediations-Verfahren angepasst und stelle nun diese – von mir „Konflikt-Landkarte“ genannte – Methode zur freien Verwendung und Diskussion vor.

Bei der Konflikt-Landkarte entwickelt der Mediator zusammen mit den Medianden eine bildliche Darstellung, einen Überblick über den Konflikt bzw. die Problemsituation. Das sichtbare Ergebnis ist keine standardisierte, allgemein lesbare Grafik sondern ein Bild, das nur von den Erstellern verstanden und verwendet werden kann.

Die Methode verfolgt mehrere Ziele (siehe weiter unten) und ist angelehnt an die Soziogramm-Darstellung sowie das „Organizational Mapping“.

Die Durchführung dauert je nach Komplexität und Anzahl der Beteiligten zwischen 30 und 90 Minuten.

Benötigtes Material

  • möglichst Whiteboard oder ein Flipchart-Blatt quer
  • viele verschiedenfarbige Whiteboard-(bzw. Flipchart-) Stifte
  • separates Flipchart für Themen-Liste

Einleitung

Zur Einleitung sollte man den Medianden das Verfahren vorstellen und Ihnen die mögliche Angst nehmen, dass sie nun selbst umfangreiche grafische Leistungen vollbringen müssen. Der Moderator kann z.B. folgendes sagen:

„Ich möchte nun mit Ihnen gemeinsam eine Landkarte Ihres Konfliktes bzw. der Situation, die Ursache für diese Mediation ist, zeichnen. Vielen Menschen – so auch mir – hilft es, wenn sie eine grafische Darstellung eines Themas zur Orientierung und Erläuterung haben.

Sie müssen dabei selbst nichts zeichnen sondern mir diverse Fragen beantworten und ich erstelle dann anhand Ihrer Antworten und Hinweise hier an diesem Whiteboard [bzw. auf diesem großen weißen Blatt] ein Bild. Dieses soll sowohl mir, als auch hoffentlich Ihnen, die Situation deutlicher und die Konflikt-Themen erkennbarer machen.

Das ganze wird kein künstlerisches Meisterwerk und auch keine selbst­erklärende Grafik sondern eine für uns verständliche Visualisierung Ihrer Sichtweisen und ein Überblick auf den wir während der Mediation immer wieder zurückkommen werden.“

Durchführung

Der Mediator stellt sich ans Whiteboard (an das quer aufgehängte Flipchart) und fragt die Medianden nach und nach die unten aufgeführten Aspekte ab. Mit aktivem Zuhören und nach Bestätigung (ggf. Wiederholung) durch die Mit-Medianden, zeichnet er aus den Antworten ein Bild. Die ver­wendete Symbolik ist dabei zweit­rangig, nur die Medianden und der Mediator müssen nachher verstehen können, was dargestellt wurde.

Aspekte, die eingezeichnet werden können:

  • die Medianden (z.B. als Strichmännchen mit Initialien)
  • weitere Beteiligte (Einzelpersonen oder Gruppen)
  • wichtige Beziehungen und/oder organisato­rische/hie­rar­chische Verbindungen
  • Objekte (besondere oder umstrittene Gegen­stände, wichtige Dokumente oder Verträge … – was halt relevant scheint)
  • Orte/Räume, die eine Rolle spielen
  • besondere einmalige oder wiederkehrende Situationen
  • typische Aussagen, Phrasen, Regeln und/oder beispiel­hafte Zitate
  • Stellen kennzeichnen
    –  die Schmerz, Angst oder Sorgen bereiten, an denen die Medianden leiden
    –  die Freude bereiten, Spaß machen
    –  an denen Probleme erkennbar sind
    –  an denen Macht liegt, wo Macht ausgeübt wird
    –  an denen es sehr gut läuft
    –  an denen es sehr schlecht läuft
  • eine Überschrift (wie einen Buch- oder Filmtitel)

Natürlich muss nicht zu allem etwas eingezeichnet werden. Der Mediator kann auch Punkte ganz weglassen oder andere Aspekte hinzunehmen. Wichtig ist, dass die Medianden das Gefühl bekommen haben, ihre Situation richtig dargestellt zu sehen. Das ganze kann durchaus sehr bunt werden und für Außen­stehende chaotisch wirken.

Während das Bild erstellt wird oder danach füllt der Mediator auf einem separaten Flipchart die Themenliste für die Mediation.

Abschluss

Abschließend sollte der Mediator den Wert der gerade erstellten Konflikt-Landkarte aufzeigen und hervorheben, dass dies ein erstes, gemeinsam geschaffenes und damit wichtiges Ergebnis ist. Zudem kann hier nochmal der Nutzen und die weitere Verwendung kurz erläutert werden. Wichtig ist dabei auch, sich Feedback der Medianden einzuholen und zu prüfen, ob diese visuelle Darstellung ihnen entgegenkommt.

Der Übergang zur nächsten Phase könnte vom Mediator wie folgt formuliert werden:

„Vielen Dank! Nun ist mir Ihre Situation schon viel klarer geworden. Ich freue mich, dass wir hier zusammen einen so guten Überblick geschaffen haben. Das ist ein wichtiges und gemeinsam erreichtes, erstes Zwischen-Ergebnis für unsere Mediation.
Gibt es daraus auch für Sie schon neue Erkenntnisse?“

[Antworten der Medianden]

„Wir werden diese Landkarte während des Mediations-Verfahrens stets sichtbar lassen, sie immer wieder für Erläuterungen nutzen und im weiteren Verlauf anhand dieses Ausgangs-Bildes auch sehen können, was wir schon alles behandelt und erreicht haben.“

Ziele

Mit der Konflikt-Landkarte werden mehrere Ziele in einem Mediations-Verfahren verfolgt:

  • Visualisierung des Konfliktes bzw. Mediations-Themas für Medianden und Mediator
  • Übersicht über die Ausgangssituation und damit die Möglichkeit während des weiteren Mediations-Verfah­rens aufzuzeigen, was schon behandelt, geklärt und erreicht wurde
  • unterschiedliche Sichtweisen der Medianden erkennen und ihnen diese deutlich und nachvollziehbar machen
  • Strukturen und Zusammenhänge enthüllen, die auf den ersten Blick nicht oder schwer erkennbar sind
  • Konflikt- bzw. Situations-Beteiligte erkennen
  • Gemeinsamkeiten und Anknüpfpunkte finden
  • erstes gemeinsames Arbeitsergebnis

Risiken

Natürlich birgt die Verwendung auch gewisse Risiken:

  • Die Methode erfordert einen sehr aktiven Mediator, der optische Darstellungen bevorzugt.
  • Die Gefahr besteht, dass die Medianden mehr mit dem Mediator als untereinander kommunizieren.
  • Das stark vom Mediator geführte und geprägte Vor­gehen hilft den Medianden nicht (oder nur wenig) dabei, ihre Kommunikation zu verbessern und eigene Konflikt­lösungs-Strategien zu entwickeln.
  • Medianden, die durch bildliche Darstellungen nicht angesprochen werden (die andere Wahrnehmungs-Präferenzen haben), können die Vorteile und den Sinn der Methode nicht erkennen.

Über Kritik, Feedback, Hinweise oder Diskussion zu dieser Methode freue ich mich sehr!

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  1. 25. Juli 2012 um 23:53

    Bei der Vorstellung der Methode beim heutigen Live-Treffen der Mediatoren in Köln kamen noch diverse Ideen, Anregungen bzw. Erweiterungs-Möglichkeiten. Dafür danke ich den Teilnehmern sehr und möchte drei Vorschläge gerne hier erwähnen und dokumentieren:
    1.) Die Karte kann in einer späteren Phase, wenn Dinge geklärt und Probleme gelöst wurden, noch mal in einer „bereinigten“ Version gezeichnet und dann verglichen werden.
    2.) Die eingezeichneten Personen und Objekte können auf bewegliche Kärtchen, Post-Its oder ähnliches gemalt werden und sind dadurch bewegbar (z.B. um Abstände zwischen Personen veränderbar zu machen).
    3.) Statt gemeinsam in der Runde kann auch jeder Mediand für sich eine solche Landkarte malen und diese werden vorgestellt und dann damit weiter gearbeitet.

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